stundenblog.de

Aus dem Leben eines Lesers

  • Momentane Herausforderung bei der Lektüre: Die Lektüreeindrücke des Ich-Erzählers zu »Die letzten Tage der Menschheit« zu verstehen oder nachzuvollziehen, auch wenn ich die Tragödie nicht gelesen habe, sondern immer nur in meine Büchergilde-Ausgabe reinschaue und Textpassagen vergleiche. Zugleich ist das Stück, geschrieben für ein »Marstheater« selbst sperrig, voller Dialekte und ohne wirklichen Zusammenhang. Chaotisch – wie der Krieg, den es beschreibt.

    Dann schwenkt die Lektüre des Ich-Erzählers um: Ab ca. Seite 238 geht es um den guten Soldaten Švejk, also um den Roman »Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg« (in den deutschen Übersetzungen gibt es Titelvarianten) des tschechischen Autors Jaroslav Hašek. Dieser Roman, der wie »Die letzten Tage der Menschheit« im Ersten Weltkrieg spielt, gilt als schwer zu übersetzen – oder gar unübersetzbar. Entsprechend fallen bei Waterhouse auch die Fragen zum Text aus. Zum Teil erliest sich der Ich-Erzähler tschechische Passagen, hinterfragt sie, sucht Bedeutungen, analysiert die Aussprache.

    Ein weiteres Rätsel:

    »Švejk sagte: Melde gehorsamst, Herr Oberleutnant, dass dort ein Kanarienvogel ist. Er sagte es zu Oberleutnant Rudolf Lukas, meinem Großonkel oder anderen Großvater, als er im Sommer 1914 bei ihm den Dienst des Offiziers- und Militärdieners antrat.«

    – Peter Waterhouse: Z Ypsilon X. – Berlin : Matthes & Seitz, 2025. – 1554 S. (3 Bände) – ISBN 978-3-7518-0040-1. – Band 1: Z, S. 243


    Die Romanfigur Oberstleutnant Rudolf Lukas hat ein reales Vorbild, wie man auf der Seite »The Good Soldier Švejk« nachlesen kann.1 Hier gibt es also einen weiteren persönlichen Bezug des Ich-Erzählers und/oder Peter Waterhouse (ist der Ich-Erzähler Peter Waterhouse?). Es folgen weitere Überlegungen, unter anderem auch zur Aussprache, zum gesprochenen Text. Faszinierend und komplex zugleich. Dennoch bleibt diese Sogwirkung des Texts bei der Lektüre erhalten, wir bei mir vielleicht noch stärker.

    1. Abgerufen am 5. Januar 2026 ↩︎
  • »Literatur ist, wenn ein Gedachtes zugleich ein Gesehenes und ein Gehörtes ist. Sie wird mit Aug und Ohr geschrieben. Aber Literatur muß gelesen sein, wenn ihre Elemente sich binden sollen. Nur dem Leser (und nur dem, der ein Leser ist) bleibt sie in der Hand. Er denkt, sieht und hört und empfängt das Erlebnis in derselben Dreieinigkeit, in der der Künstler das Werk gegeben hat. Man muß lesen, nicht hören, was geschrieben steht. Zum Nachdenken des Gedachten hat der Hörer nicht Zeit, auch nicht, dem Gesehenen nachzusehen. Wohl aber könnte er das Gehörte überhören. Gewiß, der Leser hört auch besser als der Hörer. Diesem bleibt ein Schall. Möge der stark genug sein, ihn als Leser zu werben, damit er nachhole, was er als Hörer versäumt hat.«

    – Karl Kraus: Aphorismen. – Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1986. – 531 S. – ISBN 978-3-518-37818-2. – Seite 240.

    Zitiert nach: Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit : Bühnenfassung des Autors. – Frankfurt am Main : Büchergilde Gutenberg, 1994. – 407 S. – ISBN 978-3-7632-4280-1. – Seite 343f.

  • INTERMEZZO/EXKURSION – Deep Reading und Close Reading

    In einer Veranstaltungsankündigung schreibt das Haus für Poesie, dass es sich bei »Z Ypsilon X« um »eine Form des Deep Reading der besonderen Art« handele. Ergänzt wird, dass es auch um Sprache an sich gehe. Das dürfte wohl zutreffend sein.

    Gestolpert bin ich, dem Zeitgeist geschuldet, über den Begriff des »Deep Reading«, zu dem man im deutschsprachigen Internet nur sehr wenig erhellende Informationen findet. Platt übersetzt wird er oft mit »Verieftes/Tiefes Lesen«, was wiederum unterschiedlich dargestellt wird. Mal ist es der sehr lange Text, das dicke Buch, in dem sich Leser*innen hinein versenken, mal wird davon gesprochen, dass es sich nur um einen kurzen Textausschnitt handle, der allerdings »interessant« sein solle.

    Der Text wird genau, langsam und konzentriert gelesen (was der Ich-Erzähler in »Z Ypsilon X« tut), um dann eigene Erfahrungen und Emotionen, die durch die Lektüre wachgerufen werden, in Beziehung zum Text zu bringen. Auch das trifft auf »Z Ypsilon X«, wird aber mit Sprachanalysen, Sprachvergleichen und letztlich auch Sprachspielen erweitert.

    Jenes »genaue Lesen« wiederum klingt im Begriff des »Close Reading« an, der hierzuland kaum Beachtung findet, obwohl seine Anfänge in der US-amerikanischen Literaturwissenschaft bis in die 1950er Jahre zurückreicht. Im Zuge des »New Critism« entwickelten u.a. der britische Kritiker und Dichter I. A. Richards, sein Schüler William Empson sowie der Dichter T.S. Eliot diese Methode, bei der u.a. Syntax, Wortwahl und Wortschatz, lexikalische Bedeutung bzw. Mehrdeutigkeit eines Wortes, Pragmalinguistik und Phonologie eines Textes analysiert wird. Psychologische Interpretationen oder biographische Bezüge (spannendes Stichwort, im Sinne des Gegensatzes, hier: »Autofiktionales Erzählen«) spielen bei der Analyse eines Textes keine Bedeutung, werden ausgeblendet.

    »Close Reading« ist eine interessante Methode, der Bedeutung von Texten näherzukommen (close). Ohne ins Detail gehen zu wollen, gibt es unterschiedliche Ausprägungen und Ansätze, am bekanntesten dürft aktuell vermutlich das Buch »A Swim in a Pond in the Rain« (2021) (dt.: »Bei Regen in einem Teich schwimmen«, (2022)) von George Saunders sein. Wie auch das »Deep Reading« hat die Methode des »Close Reading« in der deutschsprachigen Literaturwissenschaft nur wenig Spuren hinterlassen. Warum eigentlich? Und was hat dies alles mit der oft zu hörenden Klage, Menschen könnten nicht mehr »richtig« lesen?

    LESETAGEBUCH

    Damit zurück zu Waterhouse, »Z Ypsilon X« und dem Auftauchen von Karl Kraus und seiner Tragödie »Die letzten Tage der Menschheit«. Ab etwa Seite 175 erinnert sich der Erzähler an die Lektüre des Buches seines Großvaters – wie er auf Seite 187 beschreibt. In den Vordergrund rückt vor allem die letzte Szene des Dramas – das »Liebesmahl«, die Apokalypse.

    Kraus hat Auszüge bei Vorträgen vorgelesen, der Großvater des Ich-Erzählers soll so einen Vortrag am 23. Februar 1930 in Wien gehört haben. Waterhouse baut viele und längere Zitate aus den »Letzten Tagen« ein und ähnlich wie beim »Copperfield« analysiert der Ich-Erzähler die Worte und die »Anzeichnungen« im Text durch seinen Großvater. War es beim »Copperfield« die andere Sprache, so ist es bei der Lektüre der »Letzten Tage« der nicht abreißende Sprachstrom, der aus »hunderttausenden von jüdischen, wienerischen und berlinerischen Wortfetzen« zusammensetzt, wie es in der mir vorliegenden Ausgabe der Büchergilde Gutenberg (Lizenzausgabe des Suhrkamp Verlags von 1992) heißt.

    Es ist beachtlich und tatsächlich Textarbeit, sich durch diese Lektüre der Lektüre zu bewegen. Was eigentlich eine gewisse Distanz erzeugen könnte, ist in der Heftigkeit der Schilderungen des Kriegsgeschehen erschreckend und erstaunlich. Eine sehr intensive Leseerfahrung. Wie wäre es mit einem »Deep Reading« von »Die letzten Tage der Menschheit«?



  • »Wir waren drei Leser; der General an der Grenze und Front zwischen Österreich und Italien eine Depesche lesend; mein Großvater in Troppau oder in Graz die Worte des Lesers der Depesche lesend; ich ein Jahrhundert später die Worte des Lesers der Depesche lesend und die Anzeichnung des Lesers des Lesers. Ich war der Leser des Lesers des Lesers.«

    – Peter Waterhouse: Z Ypsilon X. – Berlin : Matthes & Seitz, 2025. – 1554 S. (3 Bände) – ISBN 978-3-7518-0040-1. – Band 1: Z, S. 187

  • Vermutlich dürfte die Lektüre von »Z Ypsilon X« für jede und jeden, der/die den »David Copperfield« nicht kennt, eine Herausforderung sein. Zwei Mal habe ich den »Copperfield« gelesen und doch werden sicher einige Anspielungen an mir vorbei rauschen. Dafür eine immerwährende Veränderungen der Namen und Orte durch Waterhouse.

    Ich schaue also einem Leser bei der Lektüre zu. Dieser Leser geht zwischendurch mal ins Schönberg Center in Wien. Seine Krähenstimme führt ihn dann gleich wieder zurück ins »rote Buch«.

    Bis zur Seite 160 folge ich »Liebeslied« (einer der Namen für David) bei seiner Flucht zu seiner Tante Betsy Trotwood – bei Waterhouse »Misspelt«. Vielmehr folge ich dem lesenden Ich-Erzähler, der jeden Satz, jedes Wort hinterfragt. Der verarmte David muss in der Londoner Weinhandlung »Murdstone und Grinby« als Flaschenreiniger schuften. Aus »Murdstone und Grinby« wird hier »Mord Steine & Grinsen«. Zum Ende meiner gestrigen Lektüre dann der Auftritt des wunderbar schrägen Mr. Dick, der eigentlich Richard Babley heißt. Er arbeitet bekanntlich an einer Gedenk-/Denkschrift für enthaupteten Karl I. Mr. Dick ist eine wahre DICKens-Figur.

    Was wird aus »David Copperfield« bei Peter Waterhouse? Wie wäre es mit einem Glossar?