Aus dem Leben eines Lesers

Zitate

  • »Man befindet sich im Zeitalter der Offenheit. Man erklärt offen, dass man Propaganda macht; früher sagte man, dass Überzeugung notwendig wäre, und man schwätzte so lange, bis der zu Überzeugende der Beeinflussung erlag. Heute trommelt man ohne falsche Scham Parolen in die Gehirne, bis sich die Schlagworte von selbst wiederholen. Man lügt in Europa offen, man bricht offen Verträge, man spricht offen parteiliche Urteile aus, man unterdrückt, stiehlt, mordet offen – die Offenheit wäre fast eine Moral, wenn sie nicht bloß ein Trick wäre, um eine ältere Generation, die an den Erfolg von so viel Offenheit nicht glauben kann, zu überrennen – und durchaus offen gibt man der Ehre den Fußtritt, den sie etwa im Deutschen Kaiserreich nur unter vier Augen bekam.«

    Iwan Heilbut: Zugvögel. – Editiert, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Peter Graf. – Berlin : Classen, 2026. – ISBN 978-3-546-10159-2. – S. 28-29

  • » Sylvia treibt die Enttäuschung um, dass die anderen nicht so wie sie an Bücher, Filme, Fiktion glauben. Schon damals, als sie Bücher fürs Studium las, nahm sie die Texte ernst, und wörtlich, sie las nicht nur für die Prüfungen, sondern fürs Leben. Und tut es noch immer. Für sie öffnet sich mit jedem Werk eine mögliche neue Welt, neue Lebensformen. Etwas, das man nachahmen, in das man einziehen kann.«

    Linea Maja Ernst: Fast Abend, immer noch hell. – Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. – Frankfurt am Main : S. Fischer, 2026. – ISBN 978-3-10-397750-9. – Seite 71

  • »The exact ratio of factors is yet to be agreed, but one thing is certain: the whale is bad news. It points its finger in accusation. No one is innocent in the whale’s unblinking eyes. You, declares the whale, are morally, spiritually and ecologically bankrupt. The whale is alive, but only just about.«

    Oisín McKenna: Evenings and Weekends. – New York (u.a.) : Mariner Books, 2024. – ISBN 978-0-06-331997-4. – Seite 2

  • »What would you do in such a world? I read Dostoyevsky, of course. I read all his novels, one after another, and then reread them. He made me feel supersmart. That was his great talent, making teenage boys feel righteous. At that age, and only at that age, I considered his philosophical questions to be deep and poignant, and the fact that I understood them meant I was superior to everyone. Please remember that my brother’s greatest intellectual achievement during those years was turning up his shirt collar in the back. My father congratulated him for thinking of such a brilliant thing. So of course I felt superior and that feeling was almost superior to jerking off.«

    – Rabih Alameddine: The True True Story of Raja the Gullible (and His Mother). – New York : Grove Press, 2025. – ISBN 978-0-8021-6647-0. – Seite 264

  • »Es ärgerte ihn, dass Leute, die sie kaum kannten, sich ihres Andenkens bemächtigten, um es nach eigenen Gutdünken zu entstellen. Die Toten sind vogelfrei.«

    – Anjet Daanje: Das Lied von Storch und Dromedar : Roman. – Aus dem Niederländischen von Ulrich Faure. – Berlin : Friedenauer Presse, 2025. – ISBN 978-3-7518-0641-1 – Seite 330