Aus dem Leben eines Lesers

  • Der Leserausch bei Anjet Daanjes Roman »Das Lied von Storch und Dromedar« hat mich bis zur Seite 274 getragen, ungefähr das erste Viertel des wundersamen Romans.

    Eine fragmentarische, vielstimmige Scheinbiographie der Eliza May Drayden, hinter der sich Emily Brontë verbirgt / verbergen soll. Aus den Biographien verschiedener Personen, die mal als Ich-Erzähler auftreten, mal aus auktorialer Erzählperspektive dargestellt werden, setzt sich nach und nach ein gebrochenes Bild dieser Eliza May Drayden / Emily Brontë zusammen.

    Bislang durfte ich erlesen: Die Geschichte von Susan Knowles-Chester (ihre Leichenwäscherin), Grace Jennings-Appleton (eine Nachbarin, die gerne mit den Drayden-Schwestern befreundet gewesen wäre), Kathleen Chambers (Tochter von Agnes Chambers, die eine Biographie über Eliza May Drayden schreibt und durch einen Manuskriptfund, dessen Echtheit angezweifelt wird, ins Unglück stürzt) sowie Emery Bowman (ein Junge, der dem Fluch seiner Familie – alle männlichen Nachkommen tragen den Namen Emery und sterben in Zusammenhang mit der Zahl »Sieben« – zunächst entflieht und dann doch durch Eliza zu Tode kommt). Dazwischen kurze Bruchstücke aus Biographien, Gedichte oder Auszüge aus dem einzigen Roman der Eliza May Drayden. All das ist so wunderbar verschroben, versponnen und verspielt, das es eine Freude ist. Ein literarisches Lesefest!

    Natürlich versuche ich Bezüge zur realen Emily Brontë zu entdecken, aber Anjet Daanje hält sich nicht an den realen Biographien der Familie Brontë fest. So taucht – jedenfalls bis jetzt – der Bruder Branwell nicht auf oder hat eine Entsprechung. Neugierig durch die Lektüre habe ich in meiner privaten Bibliothek gestöbert und immerhin drei Biographien entdeckt: Robert de Traz »Die Familie Brontë« (erstmals 1939), Elisabeth Gaskell »Das Leben der Charlotte Brontë« (erstmals 1857) und Elsemarie Maletzke »Das Leben der Brontës« (erstmals 1988). Große Leselust nun auch in diesen Büchern zu stöbern. Leserausch eben.

  • Es ist eine meiner ältesten Anlaufstellen in der Blogosphäre / im Bibliointernet: Das Leipziger Bücherlei. Diese grandiose Wundertüte, in der ich mich für Stunden verlieren kann: Notate, Miszellen, Zitate, Tagebuch und vieles mehr. Leider hat der Betreiber Markus aufgrund von technischen Problemen Teile seines Angebots nun offline genommen. Das hat auf Mastodon Reaktionen des Bedauerns ausgelöst – auch bei mir. Dadurch entwickelte sich ein kurzer Austausch und es freut mich sehr, einen Bruder im Geiste in Leipzig getroffen zu haben. Trost und Zuversicht für Dich, lieber Markus, und für uns, denn immerhin gibt es jetzt das Einsammelbuch – Miszellen eines Monomanen und ich kann mich wieder für Stunden im Internet verlieren. Tut es mir gerne nach. Danke!

    Im Zuge des Austausch habe ich dann wieder spannende Blogs kennengelernt, die ich hier verlinke und empfehle:

  • Die Nachwehen meiner OP und die Erkältung haben meine Lektüren ein wenig durcheinander gebracht. Den zweiten, umfangreichsten Teil von »Z Ypsilon X«, der Band »Ypsilon«, lege ich zunächst beiseite. Diese Lektüre erfordert eine andere Art der Konzentration.

    Als Zwischenspiel dann den ersten Band der Gereon-Rath-Reihe von Volker Kutscher, als Vorbereitung für ein umfangreicheres Vorhaben.

    Seit dem vergangenen Wochenende nun »Das Lied von Storch und Dromedar« der niederländischen Autorin Anjet Daanje. Die Übersetzung von Ulrich Faure ist wunderbarerweise für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Die ersten hundert Seiten ein Leserausch, wenn auch finster. Es ist die fiktionalisierte Biographie von Emily Brontë. Eindringlich wird zum Beispiel die Arbeit einer Leichenwäscherin geschildert. Es ist erschreckend, wie alltäglich gestorben wird. Typhus und Tuberkulose töten qualvoll – auch Eliza May Drayden, die fiktionalisierte Romanfigur der Emily Brontë.

    Dennoch: Schön, wieder unter den Lesenden zu sein.

  • »Sie liest bis spät in die Nacht, und je mehr Bücher sie heimlich verschlingt, desto mehr findet sie wieder zu sich selbst zurück. Sie hatte vergessen, wie es ist, sich größer zu fühlen, als man ist, sich so weit in andere hineinzuversetzen, als würde ihr Kopf auch den der anderen umfassen. Armer Daniel, so klug er auch sein mag, er kann sich nur mit der Wirklichkeit auseinandersetzen, was darüber hinaus existiert, sind für ihn bloß triviale Erfindungen, aber genau da, in dieser unendlichen Welt der Dichtung, wartet die Frau auf ihn, nach der er sucht.»

    – Anjet Daanje: Das Lied von Storch und Dromedar : Roman. – Aus dem Niederländischen von Ulrich Faure. – Berlin : Friedenauer Presse, 2025. – ISBN 978-3-7518-0641-1 – Seite 106

  • Neunter Tag nach der Operation. Wunde heilt weiter vor sich hin, Schmerzen sind kaum noch da. Dafür habe ich seit dem vergangenen Wochenende eine Erkältung. Dabei wie immer einen vernebelten Kopf, Lesen kaum möglich. Stattdessen Krimis als Hörbuch. Immerhin. Goodreads meckert rum, dass ich bereits mit zwei Büchern im Hintertreffen bin, will ich meine »Reading Challenge« nicht verpassen.
    Ja, wenn ich die Erkältung erfolgreich aus dem Kopf gezogen haben, passen da auch wieder gelesene Buchstaben rein. Hoffentlich.
    Nächste Woche dann ein hoffentlich spannender Termin. Und Waterhouse wartet geduldig.