Aus dem Leben eines Lesers

Lektüre

  • Aufwachsen in einem vergessenen Land, auch wenn es permanent in den Nachrichten präsent ist: der Libanon. Was der in Amman (Jordanien) geborene Rabih Alameddine seinen Raja erzählen lässt, fesselt durch seinen bissigen und sarkastischen Ton, der all die Katastrophen – Bürgerkrieg, Bankenkrise, Korruption, Covid-Pandemie, die Explosion im Beiruter Hafen im August 2020 – irgendwie aushaltbar macht. Dazu die Erkenntnis, schwul zu sein.
    Zurecht mit dem National Book Award 2025 ausgezeichnet.

  • Der Leserausch bei Anjet Daanjes Roman »Das Lied von Storch und Dromedar« hat mich bis zur Seite 274 getragen, ungefähr das erste Viertel des wundersamen Romans.

    Eine fragmentarische, vielstimmige Scheinbiographie der Eliza May Drayden, hinter der sich Emily Brontë verbirgt / verbergen soll. Aus den Biographien verschiedener Personen, die mal als Ich-Erzähler auftreten, mal aus auktorialer Erzählperspektive dargestellt werden, setzt sich nach und nach ein gebrochenes Bild dieser Eliza May Drayden / Emily Brontë zusammen.

    Bislang durfte ich erlesen: Die Geschichte von Susan Knowles-Chester (ihre Leichenwäscherin), Grace Jennings-Appleton (eine Nachbarin, die gerne mit den Drayden-Schwestern befreundet gewesen wäre), Kathleen Chambers (Tochter von Agnes Chambers, die eine Biographie über Eliza May Drayden schreibt und durch einen Manuskriptfund, dessen Echtheit angezweifelt wird, ins Unglück stürzt) sowie Emery Bowman (ein Junge, der dem Fluch seiner Familie – alle männlichen Nachkommen tragen den Namen Emery und sterben in Zusammenhang mit der Zahl »Sieben« – zunächst entflieht und dann doch durch Eliza zu Tode kommt). Dazwischen kurze Bruchstücke aus Biographien, Gedichte oder Auszüge aus dem einzigen Roman der Eliza May Drayden. All das ist so wunderbar verschroben, versponnen und verspielt, das es eine Freude ist. Ein literarisches Lesefest!

    Natürlich versuche ich Bezüge zur realen Emily Brontë zu entdecken, aber Anjet Daanje hält sich nicht an den realen Biographien der Familie Brontë fest. So taucht – jedenfalls bis jetzt – der Bruder Branwell nicht auf oder hat eine Entsprechung. Neugierig durch die Lektüre habe ich in meiner privaten Bibliothek gestöbert und immerhin drei Biographien entdeckt: Robert de Traz »Die Familie Brontë« (erstmals 1939), Elisabeth Gaskell »Das Leben der Charlotte Brontë« (erstmals 1857) und Elsemarie Maletzke »Das Leben der Brontës« (erstmals 1988). Große Leselust nun auch in diesen Büchern zu stöbern. Leserausch eben.

  • Die Nachwehen meiner OP und die Erkältung haben meine Lektüren ein wenig durcheinander gebracht. Den zweiten, umfangreichsten Teil von »Z Ypsilon X«, der Band »Ypsilon«, lege ich zunächst beiseite. Diese Lektüre erfordert eine andere Art der Konzentration.

    Als Zwischenspiel dann den ersten Band der Gereon-Rath-Reihe von Volker Kutscher, als Vorbereitung für ein umfangreicheres Vorhaben.

    Seit dem vergangenen Wochenende nun »Das Lied von Storch und Dromedar« der niederländischen Autorin Anjet Daanje. Die Übersetzung von Ulrich Faure ist wunderbarerweise für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Die ersten hundert Seiten ein Leserausch, wenn auch finster. Es ist die fiktionalisierte Biographie von Emily Brontë. Eindringlich wird zum Beispiel die Arbeit einer Leichenwäscherin geschildert. Es ist erschreckend, wie alltäglich gestorben wird. Typhus und Tuberkulose töten qualvoll – auch Eliza May Drayden, die fiktionalisierte Romanfigur der Emily Brontë.

    Dennoch: Schön, wieder unter den Lesenden zu sein.

  • Es gilt einiges nachzuholen, jetzt, wo ich seit dem letzten Eintrag über weitere hundert Seiten gelesen habe.

    Zunächst ging es mit der Lektüre des Švjek weiter, Vergleich zwischen den Übersetzungen 1916/26 und 2016.

    »1926 sagte er Parade. 2016 sagte er Inspektion. Auf Tschechisch sagte er: přehlídka, das bedeutete so viel wie Besichtigung und Inspektion und Parade. Hlídka, das war die Wache. Pře-: über? War die přehlídka wörtlich: die Überwachung?«

    – Peter Waterhouse: Z Ypsilon X. – Berlin : Matthes & Seitz, 2025. – 1554 S. (3 Bände) – ISBN 978-3-7518-0040-1. – Band 1: Z, S. 263

    Eines von vielen Beispielen, wie Waterhouse die Sprache hinterfragt, analysiert, hin und her bewegt, abwägt, diskutiert, hinterfragt. Fragen fragen.

    Einige Seiten weiter der Hinweis auf die erste Schrift des Großvaters Edgar Alker, die am 1. Mai 1927 in der Zeitung »Die Frau: sozialdemokratische Monatsschrift für Politik, Wirtschaft, Frauenfragen« erschien. »Lebensbilder aus dem Gebärhaus« lautet der Titel seines ersten Feuilleton. 1938 wird er dann Hauptschriftleiter der Zeitung »Das Kleine Blatt«.

    Erwähnung, dass der Großvater eine Harley-Davidson fuhr, Ausflüge. Und seine Freundin/Frau liest Peter Altenberg.

    Dann wieder Rückblende ins Jahr 1928 zu den Fortbildungen und Kursen der Kammer für Arbeiter und Angestellte.

    »Das Jahrbuch für das Jahr 1928 der Kammer für Arbeiter und Angestellte, welche ihren Mitgliedern und den Kindern ein Bildungsprogramm anbot, nannte in der Rubrik Fortbildung Kurse Vorträge einen Vortrag über Karl Kraus, von Edgar Alker. Das Vortragsmanuskript ging verloren. In den letzten Tagen der Menschheit lagen gut aufbewahrt ein Jahrhundert lang die Eintrittskarten zu den Vorlesunge von Karl Kraus in Wien im mittleren Saal des Konzerthauses, die Programmzettel zu den Lesungen und zwei Blätter mit Notizen.«

    – Peter Waterhouse: Z Ypsilon X. – Berlin : Matthes & Seitz, 2025. – 1554 S. (3 Bände) – ISBN 978-3-7518-0040-1. – Band 1: Z, S. 295

    Einige Seiten später zunächst ein Abstecher zu Shakespear und seinem Horatio, um kurz darauf einen Vergleich mit dem Buch »Krieg dem Kriege« von Ernst Friedrich zu ziehen. Ab Seite 310 dann ein surrealer Auftritt von Ludwig Ganghofer. Es folgt ein Gedicht, Szenen mit Pferden/Opferden (was für eine faszinierende Sprachspielerei!) bis es schließlich auf Seite 338 um die Stille geht.

    Seite 346: Leitartikel von Alker am 9. November 1938, das Datum der Novemberpogrome. Darin auch ein Rückblick auf den 9. November 1923, der Tag, an dem der Hitlerputsch stattfand. Bei meiner Lektüre versuche ich immer wieder die historischen Bezüge zu finden, was herausfordernd ist, weil der Text zeitlich hin und her springt.

    Seite 358: Die Nachricht über den Tod von Edgar Alker. Danach zurück zu Karl Kraus.

    Link & Notiz:

    Lesenswerte Einordnung von Clemens J. Setz in der FAZ: »Das rückläufig buchstabierte Geheimnis« (€), alternativer Link.
    Setz stellt fest:

    »Ich glaube nicht, dass es in der gegenwärtigen Literatur eine vergleichbare Lektüreerfahrung gibt.«

    Ich bin geneigt, ihm zuzustimmen.

  • Momentane Herausforderung bei der Lektüre: Die Lektüreeindrücke des Ich-Erzählers zu »Die letzten Tage der Menschheit« zu verstehen oder nachzuvollziehen, auch wenn ich die Tragödie nicht gelesen habe, sondern immer nur in meine Büchergilde-Ausgabe reinschaue und Textpassagen vergleiche. Zugleich ist das Stück, geschrieben für ein »Marstheater« selbst sperrig, voller Dialekte und ohne wirklichen Zusammenhang. Chaotisch – wie der Krieg, den es beschreibt.

    Dann schwenkt die Lektüre des Ich-Erzählers um: Ab ca. Seite 238 geht es um den guten Soldaten Švejk, also um den Roman »Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg« (in den deutschen Übersetzungen gibt es Titelvarianten) des tschechischen Autors Jaroslav Hašek. Dieser Roman, der wie »Die letzten Tage der Menschheit« im Ersten Weltkrieg spielt, gilt als schwer zu übersetzen – oder gar unübersetzbar. Entsprechend fallen bei Waterhouse auch die Fragen zum Text aus. Zum Teil erliest sich der Ich-Erzähler tschechische Passagen, hinterfragt sie, sucht Bedeutungen, analysiert die Aussprache.

    Ein weiteres Rätsel:

    »Švejk sagte: Melde gehorsamst, Herr Oberleutnant, dass dort ein Kanarienvogel ist. Er sagte es zu Oberleutnant Rudolf Lukas, meinem Großonkel oder anderen Großvater, als er im Sommer 1914 bei ihm den Dienst des Offiziers- und Militärdieners antrat.«

    – Peter Waterhouse: Z Ypsilon X. – Berlin : Matthes & Seitz, 2025. – 1554 S. (3 Bände) – ISBN 978-3-7518-0040-1. – Band 1: Z, S. 243


    Die Romanfigur Oberstleutnant Rudolf Lukas hat ein reales Vorbild, wie man auf der Seite »The Good Soldier Švejk« nachlesen kann.1 Hier gibt es also einen weiteren persönlichen Bezug des Ich-Erzählers und/oder Peter Waterhouse (ist der Ich-Erzähler Peter Waterhouse?). Es folgen weitere Überlegungen, unter anderem auch zur Aussprache, zum gesprochenen Text. Faszinierend und komplex zugleich. Dennoch bleibt diese Sogwirkung des Texts bei der Lektüre erhalten, wir bei mir vielleicht noch stärker.

    1. Abgerufen am 5. Januar 2026 ↩︎