Aus dem Leben eines Lesers

Zitate

  • Grodek

    Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
    Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
    Und blauen Seen, darüber die Sonne
    Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
    Sterbende Krieger, die wilde Klage
    Ihrer zerbrochenen Münder.
    Doch stille sammelt im Weidengrund
    Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
    Das vergossne Blut sich, mondne Kühle;
    Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
    Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
    Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
    Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
    Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
    O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre
    Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
    Die ungebornen Enkel.

    Zitiert nach:
    – Peter Waterhouse: Z Ypsilon X. – Berlin : Matthes & Seitz, 2025. – 1554 S. (3 Bände) – ISBN 978-3-7518-0040-1. – Band 1: Z, S. 378

  • »Literatur ist, wenn ein Gedachtes zugleich ein Gesehenes und ein Gehörtes ist. Sie wird mit Aug und Ohr geschrieben. Aber Literatur muß gelesen sein, wenn ihre Elemente sich binden sollen. Nur dem Leser (und nur dem, der ein Leser ist) bleibt sie in der Hand. Er denkt, sieht und hört und empfängt das Erlebnis in derselben Dreieinigkeit, in der der Künstler das Werk gegeben hat. Man muß lesen, nicht hören, was geschrieben steht. Zum Nachdenken des Gedachten hat der Hörer nicht Zeit, auch nicht, dem Gesehenen nachzusehen. Wohl aber könnte er das Gehörte überhören. Gewiß, der Leser hört auch besser als der Hörer. Diesem bleibt ein Schall. Möge der stark genug sein, ihn als Leser zu werben, damit er nachhole, was er als Hörer versäumt hat.«

    – Karl Kraus: Aphorismen. – Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1986. – 531 S. – ISBN 978-3-518-37818-2. – Seite 240.

    Zitiert nach: Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit : Bühnenfassung des Autors. – Frankfurt am Main : Büchergilde Gutenberg, 1994. – 407 S. – ISBN 978-3-7632-4280-1. – Seite 343f.

  • »Wir waren drei Leser; der General an der Grenze und Front zwischen Österreich und Italien eine Depesche lesend; mein Großvater in Troppau oder in Graz die Worte des Lesers der Depesche lesend; ich ein Jahrhundert später die Worte des Lesers der Depesche lesend und die Anzeichnung des Lesers des Lesers. Ich war der Leser des Lesers des Lesers.«

    – Peter Waterhouse: Z Ypsilon X. – Berlin : Matthes & Seitz, 2025. – 1554 S. (3 Bände) – ISBN 978-3-7518-0040-1. – Band 1: Z, S. 187

  • »Liebte ich das Lesen, weil es leise war und ich mich erinnerte an meine Mutter? Konnte ich Bücher hören? Hörte ich in den Büchern mehr als in den Stimmen? Meine Mutter las nicht, sie las nicht gerne. Sie war keine Leserin, auch keine Vorleserin. Konnte sie darum den leisen Vater nicht hören? Bloß den lautstarken, der auch zuletzt in der Lautstärke war, im Gefechtslärm auf einem Feld vor der Häuserzeile von Latanzy, und dort starb und liegen gelassen wurde als einer von vielen Sterbenden und Liegengelassenen – hörte sie nur den Lautstarken, nur Lautstärke, also nicht?«

    – Peter Waterhouse: Z Ypsilon X. – Berlin : Matthes & Seitz, 2025. – 1554 S. (3 Bände) – ISBN 978-3-7518-0040-1. – Band 1: Z, S. 58-59

  • »Louisa wasn’t going to permit the metaphor success. She prided herself on her reading — the reason, of course, that her mother had chosen to express herself this way. ”Books don’t change characters in every chapter,” she interrupted, after having suffered in silence for what seemed like a very long time. ”Books keep the same characters in all the chapters. That’s what makes it a book.“«

    Susan Choi: Flashlight.- London: Jonathan Cape, 2025. – ISBN 978-1-787-33512-7. – Seite 139