INTERMEZZO/EXKURSION – Deep Reading und Close Reading
In einer Veranstaltungsankündigung schreibt das Haus für Poesie, dass es sich bei »Z Ypsilon X« um »eine Form des Deep Reading der besonderen Art« handele. Ergänzt wird, dass es auch um Sprache an sich gehe. Das dürfte wohl zutreffend sein.
Gestolpert bin ich, dem Zeitgeist geschuldet, über den Begriff des »Deep Reading«, zu dem man im deutschsprachigen Internet nur sehr wenig erhellende Informationen findet. Platt übersetzt wird er oft mit »Verieftes/Tiefes Lesen«, was wiederum unterschiedlich dargestellt wird. Mal ist es der sehr lange Text, das dicke Buch, in dem sich Leser*innen hinein versenken, mal wird davon gesprochen, dass es sich nur um einen kurzen Textausschnitt handle, der allerdings »interessant« sein solle.
Der Text wird genau, langsam und konzentriert gelesen (was der Ich-Erzähler in »Z Ypsilon X« tut), um dann eigene Erfahrungen und Emotionen, die durch die Lektüre wachgerufen werden, in Beziehung zum Text zu bringen. Auch das trifft auf »Z Ypsilon X«, wird aber mit Sprachanalysen, Sprachvergleichen und letztlich auch Sprachspielen erweitert.
Jenes »genaue Lesen« wiederum klingt im Begriff des »Close Reading« an, der hierzuland kaum Beachtung findet, obwohl seine Anfänge in der US-amerikanischen Literaturwissenschaft bis in die 1950er Jahre zurückreicht. Im Zuge des »New Critism« entwickelten u.a. der britische Kritiker und Dichter I. A. Richards, sein Schüler William Empson sowie der Dichter T.S. Eliot diese Methode, bei der u.a. Syntax, Wortwahl und Wortschatz, lexikalische Bedeutung bzw. Mehrdeutigkeit eines Wortes, Pragmalinguistik und Phonologie eines Textes analysiert wird. Psychologische Interpretationen oder biographische Bezüge (spannendes Stichwort, im Sinne des Gegensatzes, hier: »Autofiktionales Erzählen«) spielen bei der Analyse eines Textes keine Bedeutung, werden ausgeblendet.
»Close Reading« ist eine interessante Methode, der Bedeutung von Texten näherzukommen (close). Ohne ins Detail gehen zu wollen, gibt es unterschiedliche Ausprägungen und Ansätze, am bekanntesten dürft aktuell vermutlich das Buch »A Swim in a Pond in the Rain« (2021) (dt.: »Bei Regen in einem Teich schwimmen«, (2022)) von George Saunders sein. Wie auch das »Deep Reading« hat die Methode des »Close Reading« in der deutschsprachigen Literaturwissenschaft nur wenig Spuren hinterlassen. Warum eigentlich? Und was hat dies alles mit der oft zu hörenden Klage, Menschen könnten nicht mehr »richtig« lesen?
LESETAGEBUCH
Damit zurück zu Waterhouse, »Z Ypsilon X« und dem Auftauchen von Karl Kraus und seiner Tragödie »Die letzten Tage der Menschheit«. Ab etwa Seite 175 erinnert sich der Erzähler an die Lektüre des Buches seines Großvaters – wie er auf Seite 187 beschreibt. In den Vordergrund rückt vor allem die letzte Szene des Dramas – das »Liebesmahl«, die Apokalypse.
Kraus hat Auszüge bei Vorträgen vorgelesen, der Großvater des Ich-Erzählers soll so einen Vortrag am 23. Februar 1930 in Wien gehört haben. Waterhouse baut viele und längere Zitate aus den »Letzten Tagen« ein und ähnlich wie beim »Copperfield« analysiert der Ich-Erzähler die Worte und die »Anzeichnungen« im Text durch seinen Großvater. War es beim »Copperfield« die andere Sprache, so ist es bei der Lektüre der »Letzten Tage« der nicht abreißende Sprachstrom, der aus »hunderttausenden von jüdischen, wienerischen und berlinerischen Wortfetzen« zusammensetzt, wie es in der mir vorliegenden Ausgabe der Büchergilde Gutenberg (Lizenzausgabe des Suhrkamp Verlags von 1992) heißt.
Es ist beachtlich und tatsächlich Textarbeit, sich durch diese Lektüre der Lektüre zu bewegen. Was eigentlich eine gewisse Distanz erzeugen könnte, ist in der Heftigkeit der Schilderungen des Kriegsgeschehen erschreckend und erstaunlich. Eine sehr intensive Leseerfahrung. Wie wäre es mit einem »Deep Reading« von »Die letzten Tage der Menschheit«?
